RUSSISCHES STAATSBALLETT
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DIE VIELFALT DER ENTWICKLUNGEN VON PETIPA BIS HEUTE
Das Alles ist Ballett

Der Glanz des kaiserlichen Balletts in Petersburg ist die Leistung von Marius Petipa, der zwischen 1862-1903 als kaiserlicher Ballettmeister ein ideenreicher Choreograph war und einen virtuosen Ballettstil entwickelte. Ihm verdanken wir viele klassische Meisterwerke wie die abendfüllenden Ballette „Schwanensee“, „Dornröschen“, „Der Nussknacker“ (alle mit Musik von P.I.Tschaikowskij), sowie auch „Don Quichote“, „La Bayadére“, oder „Raymonda“. Er kreierte insgesamt 54 Ballette, 35 Ballettopern und ließ 17 ältere Ballettwerke neu erstehen. Sein Leben und sein Werk wurde von zahlreichen Schriftstellern gewürdigt. Er wirkte wie ein „Napoleon des Balletts“ über die ganze Geschichte des Bühnentanzes bis in unsere Tage.

In Westeuropa setzte um 1909 eine Renaissance des Balletts ein, besonders unter dem Einfluss der „Ballets Russes“, das Serge Diaghilev damals von Petersburg nach Paris brachte. Ein Strukturwandel begann, in dessen Verlauf die Choreographie die Dominanz über Libretto und Musik errang und der Choreograph zum eigentlichen Autor eines Balletts wurde. Ein wichtiges Merkmal dieses Wandels ist ein Leserbrief von Michel Michailowitsch Fokine, der Mitbegründer des modernen Balletts, Choreograph und vor allem ein großer Balletttheoretiker war. Fokine befreite das Ballett von unwichtigen Bewegungen, verband die Tanzform aufs engste mit der Musik und stellte den seelischen Ausdruck der Darstellung in den Vordergrund. Das erste choreographische Kunstwerk in diesem Sinn hatte Fokin 1909 mit „Les Sylphides“ selbst geschaffen. Die meisten seiner Choreographien werden durch die Musik geprägt wie „Der Feuervogel“ nach Musik von Igor Strawinsky, „Petruschka“, „Le Sacre du printemps“, „Daphnis und Cloe“ nach Musik von Maurice Ravel, oder durch das Zusammenspiel anderer Elemente wie z.B. bei „Parade“ durch Jean Cocteaus Libretto, Eric Saties Musik und Pablo Picassos Bühnenbild.

Eine entscheidende Wende nahm die Entwicklung des Balletts durch die russische Oktoberrevolution, die zunächst alle choreographischen Experimente förderte, bald aber die Freiheit der Künste unterdrückte. Damals wurde die Persönlichkeit ins Exil getrieben, dem das Ballett des 20.Jh. die entscheidenden Impulse verdankt: George Balanchine. Er war seit 1925, nach Fokin, Waslav Nijinskij, Leonid Massin und Bronislawa Nijinska, der Schwester Nijinskijs, letzter Chefchoreograph der „Ballets Russes“.

George Balanchine ist eine Ausnahmeerscheinung, ein genialer Künstler, der Musik, Textbuch, Choreographie und Bühnenbild in einem Gesamtkunstwerk erschafft. Der Neoklassizismus, bei Balanchine zum erstenmal sichtbar, beherrschte jahrzehntelang die westlichen Ballettbühnen, während sich im ehemaligen Ostblock unter dem Einfluss des Sowjetballetts ein Stil entwickelte, der von sozialistischer Thematik vollkommen geprägt war.
Zu den wichtigsten Exponenten des Neoklassizismus gehören neben Balanchine vor allem Frederik Asthon, Bronislawa Nijinskaja und Jerome Robbins. In den meisten Balletten dieser Choreographen treten die Tänzer in Trikots oder Tuniken auf und das Bühnenbild ist beschränkt auf einen vorzugsweise lichtblauen Hintergrundprospekt. Die Musik wird nicht als Melodie empfunden, sondern als Einteilung von Zeit wie z.B. bei Balanchine. Man choreographiert teilweise ohne die Musik wie z.B. 1959 in „Moves“ von Jerome Robbins, oder man ersetzt die Musik durch Geräusche oder Texte wie in Teilen von Anna Sokolows 1961 choreographierten „Dreams“, Maurice Béjarts „À la recherche de ...“ 1968, oder Hans van Manens „Situation“ 1970.
Das Ballett feierte einen Wiederaufstieg in Westeuropa und Amerika, während der freie Tanz sich als Bewegung immer mehr entwickelte und dem Ballett neue Impulse gab.
„Im Tanz soll der Körper frei werden, der Tanz soll ein neues Körpergefühl hervorbringen....“.
Die von Isadora Duncan gegründeten Tanzschulen fanden lebhaften Zuspruch und waren besonders nach dem ersten Weltkrieg für die Weiterentwicklung des freien Tanzes von großer Bedeutung. In Deutschland vertraten Rudolf von Laban, Mary Wigmann, Dore Hoyer und Kurt Jooss die den Ausdruckstanz vertraten. Eine der überragendsten Persönlichkeiten des modernen Tanzes war Martha Graham, die einen Tanz-Kodex entwickelte und in ihrer eigenen Schule danach unterrichtete. Große Tanzpersönlichkeiten wie Jose Limón, Paul Taylor, Anna Sokolov, Glenn Tetley, aber vor allem Merce Cunningham ließen in das experimentelle Ballett die Erfahrung zweier Weltkriege und der zunehmenden Umweltzerstörung durch den Menschen einfließen.

Lange Zeit kamen die großen Choreographen fast ausschließlich aus Amerika, deren Übermacht die Europäer nur wenig entgegen zu setzten hatten. In Frankreich lag das Ballett nach dem kurzen Aufflackern eines französischen Neoklassizismus durch Serge Lifar und der kurzen Lebensdauer eines Ballets des Champs-Elysées völlig darnieder. In Großbritannien und auch in Deutschland, gab es u.a. durch John Cranko und Kenneth Macmillan Versuche, das Handlungsballett als Kunstform des 19. Jahrhunderts neu zubeleben. Neue Ideen kamen dann von Maurice Béjart mit seinem Ballet du XXe Siècle, dem es damit gelang, ein neues Publikum für das Ballett zu begeistern. Als weitere neue Förderer der Entwicklung des europäischen Balletts gelten die Choreographen Rudi van Dantzig, Jiri Kylián und Hans van Manen, die alle in den Niederlanden arbeiteten.

Im Gegensatz zu den halbstündigen, abstrakten Einaktern, die das Ballett seit dem Beginn des 20. Jh. beherrscht hatten, tendiert das neue, abendfüllende Ballett in Europa seit 1975 zu mehraktigen, abendfüllenden Aufführungen. Diese zeigen jedoch keinerlei Ähnlichkeit zu den linear erzählten Handlungs-Balletten des 19. Jh., wenden sich aber wieder stark der Realität zu. Somit behandeln die neuen Ballette hauptsächlich menschliche und gesellschaftliche Konflikte und Probleme.

Daß das deutsche Ballett nach der Blüte des Ausdruckstanzes wieder Anschluß an die internationale Ballettszene gefunden hat, ist nicht zuletzt dem Engagement von John Cranko und John Neumeier zu verdanken, sowie vielen Choreographen wie Pina Bausch, Gerhard Bohner, Robert Gilmore, Reinhild Hoffmann, William Forsythe usw.
Doch trotz der eigenen gefeierten Avantgard liegt dem deutschen Publikum der klassische Tanz, wie ihn das Russische Staatsballett in Vollendung pflegt, weiterhin ganz besonders am Herzen - ist er doch, um mit Wjatscheslaw Gordejew zu sprechen „der Ursprung jedes heute getanzten Balletts“ - und damit unverzichtbar auch in der zeitgenössischen Ballettkultur.

Mihaela Vieru

 

Marius Petipa 1822 - 1910
 
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